
Es lässt sich nicht hundertprozentig feststellen ob die „Apachen“ ein Produkt der damaligen romantischen Literatur und später der Boulevardpresse waren, die dann als Zuschreibung von einem bestimmten Milieu in Paris angenommen wurden oder der Begriff aus der Subkultur heraus entstanden ist. In der Hamburger Presse(1909-1913) fallen unter dieses Label, Jugendgangs, Zuhälter, Kriminelle, Anarchisten - Outsider die jenseits der bürgerlichen Gesellschaft lebten. Auf jeden Fall ist der Begriff „Apache“ ursprünglich ein Pariser, in Lyon beispielsweise, schrieb man den Personen aus den gleichem Milieu den Begriff „kangourous“ (Kängurus) zu. Arthur Dupin, ein Journalist, soll in einem Artikel 1902 und in seinen Pariser Milieubeschreibungen „Les Apaches de Belleville“ erstmals den Begriff „Apache“ aufgebracht haben.
Ein auf der Straße ausgetragener Streit zwischen zwei Gangs, an dem auch Frauen aktiv beteiligt waren, soll 1902 die Initialzündung für die Presseberichterstattung und die Literatur gegeben haben die dann zu einer umfangreichen Kulturproduktion und zur Mythenbildung führte, an deren Ausgangspunkt die verschiedenen Pariser Gangs standen, die sich im Slang, in ihrer Kleidung und in ihren Tätowierungen unterschieden und oft Territorialkämpfe gegeneinander durchführten. Von 1902 bis 1907 gab es eine Vielzahl von Artikeln in der Pariser bzw. französischen Presse, die sich dann, ab 1907, zum Teil aus politischen Gründen, massiv gegen diese Subkultur wandte. Nach dem 1.Weltkrieg, um 1920 herum, verschwand der Begriff „Apache“ aus der Alltagssprache der Pariser, blieb in der Kulturproduktion des Varietes und des Films aber weiterhin lebendig.

„Bei den heutigen Apachen ist nur der Name neu, der in den letzten neunziger Jahren aufkam. Tatsächlich hat es Apachen gegeben, solange das Seine-Babel dasteht. Die mindestens 50 000 Apachen aller Spielarten, die heute Paris unsicher machen, verehren in den Spießgesellen der „cours de miracles“ des Mittelalters ihre Ahnen. Alle Schrecken der Justiz des 16., 17. und 18. Jahrhunderts haben nichts gegen sie vermocht. Immer wieder haben sie sich das Pflaster von Paris erobert, und wir werden es auch trotz der eben vorgenommenen Sicherheitsmaßnahmen nicht erleben, dass sie aus der Stadt Victor Hugos verschwinden.“
„Pariser Apachen“, Hamburger Fremdenblatt, Nr.84, S.23, vom 11.4.1912
Der Apache-Tanz hatte den Ruf des "Tanzes der Unterwelt". Es gab keine festgelegten Schritten oder Routinen, stattdessen wurde oft zur Habanera- oder Tangomusik pantomimisch und tänzerisch agiert.. Während des Tanzes wurden die Frauen oft sehr eng und fest umarmt, auch artistische Aktionen, wie sie später im Lindy Hopp wieder auftauchen, gehörten dazu. Die Tänze, die jenseits des Varietetanzes in den Bars und Tanzcafes mit dem Apachetanz identifiziert wurden, waren vielgestaltig. Es gibt keine überlieferte Orthographie dieses Tanzes als Salontanz oder „social dance“. Die Vielfältigkeit der angeführten Tänze lässt eher den Schluss zu, dass „Apache“ als Label für eine Pariser Subkultur stand, die in dem Milieu der Musikcafes und kleinen Tanzlokale existierte und in der das Tanzfieber der damaligen Zeit zur Adaption der gerade bestimmenden Modetänze und der Herausbildung regionaler Stile führte.

Der Apachetanz (nicht der Varietetanz) wurde auch assoziiert mit der „Musette“, einem französischen Musik und Tanzstil, eingebetet in die Kultur der kleinen Tanz- und Musikcafes und Cafe concerts des Pariser Raumes. Er ist entstanden um 1880 aus den Einflüssen verschiedenen kultureller Minoritäten wie den „Auvergnats“ (so bezeichnete man die Menschen aus der französischen Region Auvergne), die in Paris nicht unerheblich im Gastronomie- und Cafegewerbe involviert waren, italienischen Einwanderer und den „Manouches“, so bezeichnete man Nichtsesshafte, bzw. eine bestimmte Zigeunerpopulation. Die beiden ersteren bildeten u.a. größere Communities im Stadtteil Montmartre. Der Name „Musette“ stammt von einem traditionellen Musikinstrument aus der Auvergne, die, ähnlich wie der Dudelsack, eine, bzw. mehrere auswechselbare Pfeifen, bzw. Flöten mit einem Blasebalg aus Ziegenleder kombiniert, der von dem Musiker unter dem rechten Arm gepumpt wurde während der Luftsack mit dem eigentlichen Instrument in der Linken gehalten wurde. Die „Musette“ war ein populäres Musikinstrument der damaligen Straßen- und Cafemusiker, bis sie um 1900 herum, von dem variationsreicheren, chromatischen Akkordeon abgelöst wurde. Zum Beginn des 19.Jh. wurden Cafes in denen das Musizieren möglich war mit dem Term „bal-musette“ bezeichnet, der bald zu einem Begriff wurde für alle Lokalitäten in denen zur Musik, gleich von welchem Instrument, getanzt werden konnte. Die Tänze die mit der „Musette“ assoziiert wurden, waren der „Toupie“, die „Pariser Samba“ und die „Musette tango oder -bolero“ und der „Java“, der sich an dem Varietetanz « Chaloupeuse Waltz » von Max Dearly und Mistinguett anlehnen soll. Es handelt sich um regionale Ausformungen im Pariser Raum, die als Basis die Waltz-Position nahmen und sich dann aus dem Repertoire der anderen Tänze wie Tango, Samba, etc bedienten, bzw. sich an sie anlehnten. Sie unterschieden sich aber in den Schritttechniken von denen die in den Tanzschulen gelehrt wurden.
http://perso.wanadoo.fr/musette.info
In Paris und Marseille versucht man inzwischen diese Tänze wieder zu revitalisieren, wobei anscheinend der Film „Casque d`or“ (1952, Frankreich, Regie: Jacques Becker) zur Rekonstruktion des damaligen Apachenmilieus verwendet wird. Auch der Roman „Jesus Schnepfe“, 2002 bei Wunderhorn erschienen, von Francis Carco, soll einem einen Einblick in das damalige Milieu gewähren.(Carco hat in den 20er Jahren über 10 Romane, die Pariser Milieubeschreibungen beinhalten, veröffentlicht) Es handelt sich um die Übersetzung des französischen Originals „Jesus-la-Caille“ aus dem Jahr 1914 (Paris), in Frankreich 1986 wieder neu aufgelegt. Laut Verlagstext: „Ein Ganoven und Liebesroman, ein schonungsloses Sittenbild der Unterwelt in der Belle Epoque in Paris der Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Ein Roman über die vielfältigen Beziehungen unter „Apachen“, jungen Gaunern, Strichjungen und Huren, in einer Gemeinschaft, die sich ihre eigenen Gesetze gegeben hat.“

Zwischen dem Apachetanz und dem Argentinischen Tango gab es viele Ähnlichkeiten. Die Instrumentierung (Bandeon-Akkordeon) soll ähnlich gewesen sein und in den Liedtexten fanden sich ähnliche Themenbezüge, da der soziale Background, wie auch seine romantische Idealisierung vergleichbar waren. Paris galt um die Jahrhundertwende als das Reiseziel für die argentinische Upperclass und es ist wahrscheinlich, dass auf diesem Wege der Tango, nicht nur in seiner späteren kultivierten Salonform, sondern auch als Tanz der sogenannten argentinischen Unterwelt nach Paris gelangte.
Die "Apachen" haben weitaus mehr von dem sozialen Habitus der den ursprünglichen argentinischen Tango begleitete, ausgedrückt, bzw. sie kamen wahrscheinlich aus einem vergleichbaren Milieu. So soll, ähnlich wie in Argentinien, das offene Tragen von Messern verbreitet und der Messerkampf in den Tanzperformances stilisiert worden sein. Aber ein weitaus wichtigeres Kriterium dieser und vergleichbarer Tänze, ist die Art und Weise wie mit pantomimischen, schauspielerischen und tänzerischen Elementen die Beziehung zwischen Mann und Frau dargestellt und thematisiert wird. Während beim Tango der erotische und leidenschaftliche Ausdruck stilisiert wird, waren es bei dem als Apachetanz bezeichneten Varietetanz eher die Gewaltverhältnisse einer Beziehung im Pariser Rotlichtmilieu. 1909 schon führte die Varietetänzerin "Mistinguett" zusammen mit Max Dearly im Moulin Rouge in Paris den "Valse chaloupee", nach einem Thema von Jacques Offenbach auf, der später dann als Apachetanz eine große Popularität erlangte

„Der Apachetanz gehört seit zwei Wintern zu den unvermeidlichen „Kunstleistungen“ in den kleinen Tingeltangels und den großen Music-Halls. Der Charakterkomiker Max Dearly und die Mistinguett haben ihn zuerst „kunstmäßig“ ausgebildet. Jetzt kann und muss man ihn in jedem Montmatre-Nachtlokal genießen“
„Aus Paris“ von Fritz Treusch, Hamburger Nachrichten, 20.3.1911(HN/134Ab/20.3.11)
Dort wurde das Thema des stilisierten Kampfes in einer Liebesbeziehung zwischen einem Macho und einer Prostituierten mit so einer artistischen und choreographischen Brillanz dargeboten, dass er zu einer Sensation wurde, die vielen in Erinnerung blieb. Mistinguett(1873 – 1951) war ein Revuestar im „Cafe de Paris“, „Moulin Rouge“ und „Folies Bergeres“. Sie spielte in ca. 12 Stummfilmfilmen mit, u.a. in „Les Miserables“/(1913) und „La Valse Renversante“/“The amazing waltz“/1914, Frankreich, Pathe`. Letzterer stellt eine Art Tanzsketch dar, den sie mit Maurice Chevalier in den Folies Bergeres spielte. 1924 trat sie in New York im Vaudeville „WinterGarden“ auf, wo sie eine französische Maid spielte, die von ihrem Vater an einen brutalen Pariser Apachen verkauft wird. Dieser schmeißt sie in einen Fluss, worauf sie in nassen und enganliegenden Kleidern wieder herausklettert um ihn dann umzubringen und daraufhin mit dem Mann ihrer wahren Liebe zu flüchten. Eine ähnliche Variante dieses Themas bot die Tänzerin "Polaire" bereits 1910 auf den Bühnen von Paris und New York. Eine Frau wird von einem Einbrecher, einem Mitglied einer "Apache-Gang" überfallen. Der darauffolgende Kampf wird als ein wilder Tanz dargestellt an deren Ende sie den Einbrecher tötet. Polaire trug zu den Aufführungen ihres Apachetanzes einen goldenen Nasenring und färbte sich die Zunge und das Zahnfleisch leuchtend rot.
„Les Miserables“, Pathe`1913, nach einem Roman von Victor Hugo, Regie Albert Capellani(Quelle : videotheque de paris/

Der „Apache“ erreichte spätestens 1909/10 als Kunsttanz im Variete, aber auch als soziale Erscheinung die Stadt Hamburg, wie es sich über einige Artikel der Hamburger Presse nachvollziehen lässt. So wurde im November 1909 in den „Blumensälen“, einem „vornehmen Ballhau“ in Hamburg-Altona die Aufführung eines Apachetanzes von den Geschwistern Chantenal angekündigt (Hamburger Fremdenblatt, Nr.280, S.15, 30.11.09) Und im Hamburger Echo Nr.13, vom 17.Januar 1910 ist in der Anzeige des Varietes „Heinrich Köllisch Universum“ (St.Pauli, Spielbudenplatz 21/2) folgendes zur Vorankündigung des „Danses des Apaches“ zu lesen:
„Der Geliebte einer Dirne, ein Bursche aus der Pariser Verbrecherwelt, will das Geld, welches sie sich verdient hat haben. Sie weigert es sich herauszugeben, weil er es doch nur vertrinkt. Er gerät über die Weigerung in Wut, schlägt sie, will sie erdrosseln, sie in höchster Angst, wehrt sich mit aller Kraft, es nützt ihr aber nichts, er in sinnloser Wut erschießt sie. Dieses wird in höchster Vollendung, durch Mimik und Tanz von den beiden zum Ausdruck gebracht. Es wird gebeten während dieser Nummer die größte Ruhe zu bewahren.“
Die um 1910 herum populären Tänze wie „One-Step“ und „Two-Step“, deren Beckenbewegungen und Entlangschleifen der Füße(Shuffle) klar auf afroamerikanische Tanztraditionen verweisen, wurden von dem Hamburger Journalisten als „Apachetanz“ gesehen, wobei es hier anscheinend eher um die Charakterisierung eines Milieus als die des Tanzes geht. Diese einfachen „Schieber- und Wackeltänze“ wurden in einigen Städten wegen ihrer „unsittlichen“ Bewegungen verboten. In Berlin wurde im Sommer 1910 durch den Verein der Berliner Saalbesitzer der „Apachetanz“ verboten. Dieses Verbot hat:
“... in zahlreichen Tanzlokalen zu Sturmszenen geführt. Es war vorauszusehen, dass ein gewisses Publikum sich dem Verbot nicht ohne weiteres fügen würde. Auf vielen Tanzböden wurde daher die schon angeschlagenen Plakate, wonach nicht nur der Apachetanz, sondern auch das „Chassieren durch den ganzen Saal“ verboten ist, zunächst nicht beachtet. Wo die Saalwirte ihr Hausrecht mit aller Energie durchsetzten und es dabei zu größeren Ruhestörungen kam, wurde die Polizei herbeigerufen, die in einem großen Lokal den Tanzsaal sogar zeitweise sperrte, bis die Gemüter sich wieder beruhigt hatten.“
„Das Verbot des Apachentanzes“ Hamburger Nachrichten, Nr.337/1Mo/22.Juli 1910

Drei Jahre später liest man dazu in einer anderen Hamburger Zeitung:
„Die Einfügung zynisch-pantomimischer Momente – eine uralte volkstümliche Tanzgepflogenheit südlicher und östlicher Völker – verdanken wir offenbar die Hefe des französischen, des spanischen Volkes und den Negern. Die „Apachentänze“ haben dabei wenigstens noch einen gewissen räuberromantischen Temperamentswert. Anderes, worin nichts dergleichen zu spüren ist, wurde bekanntlich bis zu so einer Schamlosigkeit „entwickelt“, dass die Tanzmeister und die Tanzsaalbesitzer sich ins Zeug legen mussten. Ein denkwürdiger Beitrag zur Zeitcharakteristik: dass die Erziehung des Publikums durch die von ihm abhängigen Gewerbetreibenden unerlässlich ward, als letztes Mittel zur Wahrung mitteleuropäischen Anstands! Und ebenso denkwürdig, dass solche „Schiebetänze“ und „Wackeltänze“ sich nach dem Eingreifen der wackeren Tanzmeister noch eine Weile in den „oberen“ Regionen, in den Salons hielten; natürlich nicht in wirklich einigermaßen vornehmen, aber doch in manchen glänzenden und sehr geschätzten. Der verräterische Ehrgeiz, die Kultursumpfblüten des Nachtlebens in die wohlhabende Privatgeselligkeit zu verpflanzen, ist in Großberlin so hübsch rege wie nur je in einer aus Uebermut verkommenen Gesellschaft.“
„Tanz und Gegenwartskultur“ von Willy Rath, Hamburger Correspondent, Nr.110Ab/1.3.1913
Im März 1911 erhält man von einem Feullitonisten der Hamburger Nachrichten eine der wenigen Beschreibungen des Varietetanzes:
„Dicht aneinandergedrängt tanzen die Beiden erst langsam „gefühlvoll“, dann drehen sie sich schneller, immer schneller, bis der Mann das Weib brutal von sich schleudert. Von neuem beginnt der Tanz: das Weib schmiegt sich katzenhaft an, der Mann drückt sie leidenschaftlich an sich, stößt sie von sich: der Tanz ist ein Kampf und der Mann will der Herr bleiben. Tierisches Begehren wechselt mit wütender Eifersucht. Plötzlich reißt der Mann die Frau derb an sich, hebt sie empor, hält sie unter den Armen fest und schwenkt sie, selbst fortwährend tanzend, hoch um sich herum; ihre Haare lösen sich; toller und toller wird das Tanzen, das Schwenken, das Werfen, sinnbetäubend; mit jähem Ruck nimmt er sie in die Arme; nochmals ein wildes Kreisen, und der Apache lässt mitten in den sinnlos raschen Kreisen die Pierreuse los – dass sie bebend in die Ecke fliegt. Und er steckt gelassen die Hände in die Hosentaschen und geht von dannen.“ „... dem amerikanischen Tänzer...stand das Apachentum gut zu Gesicht...er könnte eher dem Indianerstamm angehören, der den Pariser, allerdings auch meist tätowierten Messerhelden den literarischen Namen gegeben hat, als diesen selbst. Jedenfalls hat wohl nie ein Pariser Apachenpaar in einer Spelunke der äußeren Boulevards den Apachentanz so „echt“ getanzt, wie es vor dem eleganten Publikum in der parfümdurchtränkten Luft des „Cafe de Paris“ geschieht.“
„Aus Paris“ von Fritz Treusch, Hamburger Nachrichten, 20.3.1911(HN/134Ab/20.3.11)

Ein Jahr früher, 1910, sind in der Hamburger Presse Artikel zu finden die sich mit dem sozialen Charakter des „Apachentums“ auseinandersetzen, in deren Mittelpunkt die politische Affäre um den „Apachen“ Liabeuf stand. Der sogenannte Apache Liabeuf, ein 23-jähriger Schustergeselle war wegen Diebstahl und Vagabondage mehrfach vorbestraft und wurde 1909 von zwei Agenten der Pariser Sittenpolizei unter dem Vorwurf der Zuhälterei verhaftet und zu sechs Monaten Gefängnis und 5 Jahren Verweisung (aus der Stadt) verurteilt. Nachdem er aus der Haft entlassen wurde, nahm er, wieder zurück in Paris, Rache an den Polizeibeamten die damals die Verhaftung vorgenommen hatten, in dessen Folge vier Polizeibeamte getötet und zwei weitere verletzt wurden. Im Zuge der nach der Verhaftung einsetzenden Untersuchung wurde bekannt, dass er niemals ein Zuhälter gewesen war und sozusagen zu einem „Verbrecher aus verlorener Ehre“ geworden war. Es ergaben sich berechtigte Anklagen gegen die Pariser Sittenpolizei, die von einem großen öffentlichen Interesse begleitet waren. Mehrere bekannte Personen aus dem öffentlichen Leben wie Anatole France, Rochefort und Faurés unterschrieben ein Gnadengesuch an den Präsidenten. Der Journalist und Antimilitarist Gustave Herve´ wurde nachdem er in einem Artikel in seiner 1906 begonnenen Reihe „La Guerre sociale“ sein Verständnis und seine Symphatie für die Tat Liabeufs hat durchklingen lassen, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fall entwickelte sich zu einem Politikum und zu einem Machtkampf zwischen der Justiz und den damaligen revolutionären politischen Kräften, in deren Folge es zu mehreren gewalttätigen Massendemonstrationen kam. Liabeuf weigerte sich ein Gnadengesuch zu unterzeichnen und wurde am 1.Juli 1910 in Paris durch die Guillotine hingerichtet.
„...dass gerade in Literatur und Kunst seit etwa zwei Jahrzehnten eine Verherrlichung der Pariser „Gosse“ überhandnahm, die in den Dirnen und ihren Kumpanen ausnahmslos heroische Gestalten sahen, bedauernswerte Opfer einer sozialen Missordnung. Der brutalen und dabei gänzlich verlogenen Poesie eines Aristide Brulant, von der Irvette Guilbert populär gemacht, der Schauerromantik eines Jules Marey, A.de Lorde und Genossen, den Sensationsberichten der käuflichen „Son“-Presse ist es zu verdanken, dass das lichtscheue Gesindel der Vorstadtboulevards sozusagen salonfähig wurde.“
„Die Hinrichtung des „Apachen“ Liabeufs“ von Franz Farga, Hamburger Fremdenblatt, Nr.156, S.5, 7.7.1910

Eine damals produzierte Handballenpistole von der Firma L.Dolne in Lüttich, wurde als „Apachen-Revolver“ angeboten. Es handelte sich um eine Kombination aus Schlagring, Dolch und sechsschüssigen 6mm-Revolver.
Aristide Bruant, ein Chansonier und Conferencier, war eine bekannte Persönlichkeit im Pariser Raum und wurde später, u.a. durch das von Toulouse Lautrec gemalte Bild international bekannt. Er galt als Freigeist und Anarchist. Die Themen seiner Chansons handelten z-T. von der Pariser Subkultur. Er verwendete das „Argot“ in seinen Liedertexten. Das Kabarett „Chat Noir“, welches als ein Treffpunkt der Bohemiens galt, gehörte zu seinen bevorzugten Auftrittsorten. Ivette Guilbert, Chanseuse und Vortragskünstlerin war eine, vor allem in den 20er Jahren, eine zur Berühmtheit gelangter Sängerin, die im „Chat Noir“ heimisch war. Sie war bekannt für ihre Exzentrität und soll einen ähnlichen Ruf gehabt haben wie Anita Berber in Berlin.
In den gängigen Enzyklopädien wurde das Argot zuerst als „Gaunersprache“ klassifiziert, später galt es als die „etwas andere“ Sprache vom „unteren Volk“ Während der französischen Romantik fand eine Umbewertung, weg von dem Stigma der Gauner- und Randgruppensprache, hin zur Sprache der Gruppe der kreativen Rebellen.
www2.rz.hu-berlin.de/francopolis/germanopolis/Argot/htm
„Zweifellos ist es in letzter Zeit immer schlimmer geworden mit den Revolverschießereien und Messerstechereien, und diese unsauberen Burschen prahlen mit den Heldentaten, die so viel Aufsehen erregen. Auf der Bühne, in den Romanen, in den Chansons ist der Apache die Modefigur, und alle Welt tanzt den Apachetanz. Früher „murksten“ sich die Herren untereinander aus Eifersucht ab oder sie knallten oder stachen einen Bourgeois nieder, um ihm Uhr, Brieftasche und Börse abzunehmen. Dann spielten sie Femerichter und verurteilten Verräter oder Mädchen, die sich ihrer Herrschaft entziehen wollten, zum Tode. ...Seit der Hinrichtung des famosen Liabeuf nehmen sie die Rache für diesen Heros als Vorwand und nennen sich Liabeufvisten. Die Unsicherheit der Straßen wird noch vermehrt durch die Streikenden, die sich teilweise in eine unzurechnungsfähige Wut gegen die Arbeitswilligen hineinreden und dann zu schlimmsten Gewalttaten fähig sind.“
„Apachen und Midinetten“ Hamburger Nachrichten 25.9.1910, (HN/487Mo/Titelseite/25.9.10)

Zwei Jahre später liest man im Hamburger Fremdenblatt über die Pariser Zustände:
„Die Begeisterung der Pariser für die „Entente Cordiale“ hat dieser Tage einen recht empfindlichen Stoß erlitten. Wie es scheint hat Paris an seinen eigenen Apachen und Anarchisten noch nicht genug; denn ein voller Schub solcher Galgenvögel traf hier geradewegs aus London ein. (...) Den Anlaß zu dieser Auswanderung bildet bekanntlich das Inkrafttreten des neuen Gesetzes, dem zufolge hinfort alle Zuhälter zur Prügelstrafe zu verurteilen sind. Nichts scheint in der Tat geeigneter, den Geschmack an diesem Gewerbe auszutreiben, als eine Kur von fünfundzwanzig derben Hieben mit der neunschwänzigen Katze. Hiervor flüchtet sich das Gesindel scharenweise über den Kanal in die gastfreundlicheren Arme Frankreichs, wo es unter dem Schutze der „Menschenrechte“ und des allgemeinen Gefühlsdusels sicher ist. (...) und so sieht sich Paris mit einigen tausend dieser „Unerwünschten“ mehr beglückt. Als ob es ihrer hier nicht schon genug gäbe! Bounot und Garnier sind tot; doch ihre Spießgesellen leben fort und machen nach wie vor die Seinestadt unsicher. Die Polizei schätzt allein die Zahl der in Paris lebenden Anarchisten auf zehntausend; aber man kann sicher sein, dass diese Ziffer noch viel zu niedrig gegriffen ist. Denn was sich jeder auch nur annähernden Schätzung entzieht, ist der Zuzug vom Ausland, der neuerdings immer stärker wurde. In Russland setzt man ihnen hart zu, Deutschland, Italien und Spanien überwachen sie gleichfalls scharf, nur in England fanden sie bis vor kurzem noch freie Zuflucht. Aber seit den tragischen Vorfällen von Whitechapel, wo die gesamte Londoner Polizei und ein Teil der Garnison aufgeboten werden musste, um drei Banditen zu bezwingen, hat sich auch hier die Sache geändert, und die Genossen fühlten sich auch hier bald beengt. So verbleibt ihnen denn heute nur noch Paris als letztes Asyl.“
„Das Apachenparadies“, Hamburger Fremdenblatt, Nr. 300. S.34. vom 22.12.1912

Das “fin de siecle » war eine der Höhepunkte der anarchistischen Bewegung in Frankreich und in den 1890ern war neben Stadtvierteln wie Belleville und St. Denis, Montmatre ein inoffizielles Hauptquartier der anarchistischen Bewegung. Montmatres Kultur, geprägt durch die Bars, Kabaretts, das Rotlichtgewerbe und die Bohemiens und Maler, wurde in verschiedenen Weisen von den Anarchisten beeinflusst. Es gab dort einige Redaktionen anarchistischer Zeitungen und Journale, die über ganz Frankreich verteilt wurden, wie auch viele der Kabaretts Hausblätter mit politischen und kulturellen Sendungsbewusstsein herausgaben. Eine der ca. 10 anarchistischen Zeitungen die zwischen 1886-1896 erschienen, war „Le Pere Peinard“ des Herausgebers Emile Pouget mit einer wöchentlichen Auflage von ca. 20 000. Pouget gestaltete mit seinem Blatt eine ähnliche Praxis wie der Kabarettist und Chansonier Aristide Bruant, der mit seinen in Argot gesungenen Texten als Stimme der unteren Klassen und des traditionellen Rotlichtmilieus Montmatres galt. Pouget verpackte seinerseits seine Texte und Pamphlete voller sozialrevolutionären Sendungsbewusstseins in das Argot der einfachen Leute. Viele der post-impressionistischen Maler und Symbolisten sympathisierten mit der Idee des Anarchismus und steuerten Artikel, Gedichte, Zeichnungen und Graphiken mit bei. Einige wie Paul Signac, Maximilien Luce, Charles Maurin, Lucien Pissarro und Theophile-Alexandre Steinlen illustrierten die anarchistische Presse und leisteten finanzielle Hilfe. Das viele Bohemiens und Künstler mit den Anarchisten sympathisierten lag daran, dass Anarchisten zwar genau wie die Sozialisten, eine fundierte Kapitalismuskritik hatten, aber anders als diese, dem Individualismus einen weitaus größeren Wert beimassen. So konnten sich diese Gruppen in gegenseitiger Toleranz und Sympathie befruchten, da die von Victor Hugo proklamierte Idee der parallelen Avantgarden von Kunst und Politik in Montmatre Gültigkeit hatte. Ein Künstler der gegen die Zwänge der Kunstakademie und des Kunstmarktes rebellierte, wurde seitens dieser politischen Szene auch ohne sozialpolitisches Statement akzeptiert. (Auch die dadaistische „Literature“-Gruppe hatte nach dem 1. Weltkrieg am Montmatre ihre Stammlokale, wie das „Grand Duc“, „Joe Zolli`s und den „Tempo-Club“.)

Die Bars und Kabaretts in Montmatre waren wichtige Treffpunkte und Nachrichtenbörsen dieser Szene. Viele der Theater- und Kabarettprogramme nahmen Eindrücke des Straßenlebens und des Rotlichtmilieus, in denen sie eingebetet waren, auf. Diese anfänglich sozialkritischen bis sozialrevolutionären kulturellen Ansätze haben langfristig entscheidend an der Popularisierung und Romantisierung des Apachenmilieus mitgewirkt.
Oscar Metenier und Andre Antoine gründeten 1887 das „Theatre Libre“ in dem überwiegend naturalistische Dokumentarspiele, die sogenannten „rosse“-Stücke aufgeführt wurden. „rosse“ bezeichnete damals im Pariser Straßenjargon einen besonders verkommenen oder böswilligen Menschen. Dementsprechend war die Pariser Halb- und Unterwelt Thema der Bühne. Die Darsteller des „Theatre Libre“ hatten meistens keine klassische Ausbildung und oft wurde auf Laien zurückgegriffen, so das Prostituierte, Zuhälter und Apachen sich zuweilen selbst spielten. Gewalt und Verbrechen und andere Verletzungen gesellschaftlicher Konventionen wurden kontinuierlich auf die Bühne gebracht. Obwohl das Publikum die im Gassenjargon geschriebenen Schauspiele schätzte und ein Einfluss auf die Pariser Theaterszene unverkennbar war, ging das „Theatre Libre“ 1893 pleite. Vier Jahre später eröffnete Metenier das „Theatre du Grand Guignol“ im Bezirk Montmatre. Der Name ist entlehnt von dem „Guignol“, einem Kasper, der seine bösen Streiche damals in populären wie gewalttätigen Puppenstücken auf den Jahrmärkten spielte. Das Grand Guignol verstand sich als ein Theater des Lachens und Entsetzens. Ein typisches Abendprogramm bestand aus einer Reihe von Einaktern, Slapsticknummern und einem „rosse“-Stück – und als Hauptattraktion ein Horrorstück, das in seiner blutigen Inszenierung den Erwartungen des Publikums auf Nervenkitzel entsprach. Das Grand Guignol hatte als Stilrichtung um 1910 seine Blüte, war zu diesem Zeitpunkt aber von seinen ursprünglichen Intentionen, den naturalistischen, sozialkritischen Milieuzeichnungen weit entfernt und lieferte dem Publikum überwiegend spektakuläres Effekttheater.

Aristide Bruant mit seinen Kabaretts „Chat Noir“ und „Mirlington“, wie Maxime Lisbonne gaben Haus-Postillen heraus. Lisbonne war ein ehemaliger Colonel der Pariser Kommune, der nach dem Ende der Deportation nach Kaledonien wieder nach Paris zurückkehrte und eine Reihe von Kabaretts eröffnete, wie das Themen-Kabarett „Taverne du Bagne“, die „Taverne de la Revolution Francais“, die „Brasserie des Frittes Revolutionnaires“ und zuletzt das „Concert Lisbonne“, wo 1894 Blanche Cavelli in der Szene „Le Coucher d`Yvette“ in einer Entkleidungsszene eine Vielzahl ihrer Unterwäsche fallen ließ. Lisbonne geriet mit der Zensur in Konflikt, konnte sich aber behaupten und im Nachhinein wurde diese Theaterszene als erster historisch dokumentierter Striptease dargestellt, der in den Folgemonaten in anderen Cafe Concerts viele Nachahmungen fand. Lisbonne sympathisierte mit den Anarchisten und seine Kabaretts galten u.a. auch als Treffpunkte der anarchistischen Szene. Aufgrunddessen wurde er wie seine Kabaretts von der Polizei überwacht und die Reihe von behördlichen Lizenzentziehungen und Neueröffnungen seinerseits haben wahrscheinlich die Ursache in dem den Obrigkeiten suspekten politischen Milieu. Ein weiterer Kabarettist war Frederic Gerad, dessen erstes Kabarett „Zut“ geschlossen wurde weil es als ein populärer Treffpunkt der Anarchisten bekannt wurde. Sein neues Lokal „Le Lapin Agile“ wurde alternativ auch als „Cabaret des Assassins“ bezeichnet, in Anspielung auf die anarchistische Doktrin der „Propaganda der Tat“, die sich in verschiedenen Sprengstoffanschlägen auf Institutionen und Einzelpersonen äußerte, die sich, beispielsweise, 1892 an der Kriminalisierung von Arbeitern der Mai-Demonstrationen hervorgetan hatten.
Montmatre hat als ein Treffpunkt zwischen verschiedenen Klassen funktioniert, mit Künstlern und Sängern, die als kulturelle Mittelspersonen fungierten, indem sie die Werte und die Lebensart der unteren Klassen für ein bürgerliches Publikum interpretierten. Eine Mischung aus dem Versuch der Politisierung des Subproletariats und einer romantischen Liebäugelei mit den unteren Klassen, bzw. mit deren Identifikationsfiguren, den Apachen, Bordsteinhuren und Midinetten - und einer einhergehenden Kommerzialisierung dieser Subkultur. Bereits vor dem 1. Weltkrieg gab es von Pariser Reiseagenturen einen für Touristen arrangierten Rundgang durch das Milieu.
"Man besuchte alle berüchtigten Kneipen, Höhlen und Spelunken Von Belleville, dem Montmartre und den Markthallen, man konnte in aller Ruhe den traditionellen Humpen Glühwein mit einem der berühmtesten Apachen trinken. Die Apachen sahen sogar diese Tournee nicht ungern, denn sie waren stolz über die Aufmerksamkeit, die man ihnen zollte. Außerdem folgten die Teilnehmer einer Route, die im Voraus festgelegt und Von Zivilwachleuten begleitet war."
Über ein touristisches Angebot, die „Tournee der Großfürsten“ in Paris in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Zitiert aus „Öffentliche Lustbarkeiten im Ruhrgebiet der Jahrhundertwende“; Lisa Kesok, Mathilde Jamin, 1992, Ruhrmuseum Essen


Das ehemalige Hallenviertel von Paris, wurde auch der „Bauch von Paris“ genannt, mit dem Zentralmarkt für Obst, Gemüse, Fische, etc. . Der Zentralmarkt wurde Ende der 1960er in die Außenbezirke verlegt. 1972 wurden die Hallen trotz vielfachen Protestes abgerissen. In der Nähe liegt das Viertel rund um den „Place de la Bastille“, das frühere Handwerkerquartier. Dort befindet sich die „Rue de Lappe“, eine enge Gasse die jahrzehntelang als Sammelplatz der Apachen galt und des traditionellen Tanzvergnügens, der „bals musettes“
Einen Pendant zu der von Paris ausgehenden Apachen-Romantik stellten die hauptsächlich in Berlin veranstalteten Zille-Bälle und Ausstattungsrevuen dar, bei denen sich diejenigen, die es sich leisten konnten, sich die Schicksale von Gaunern, Prostituierten und Bettlern zu Gemüte führten, bzw. für eine Nacht sich dergestalt verkleideten. Für das erste Milieubild in so einer Ausstattungsrevue 1924 von James Klein mit den Darstellern Lotte Werkmeister und Paul Westermeier, entwarf der Maler Zille noch selbst das Prospekt. Erik Charell organisierte ab 1925 einen jährlich stattfindenden „Hofball bei Zille“.
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Zille
In der Hamburger Tagespresse von 1913 fanden sich Artikel in denen sich ein sehr deutliches Klischee eines romantisch verklärten Gangstertums widerspiegelte. Unter „Apachen“ verstanden die Journalisten normale Gangster und Schwerkriminelle, sofern sie in Paris lebten und Jugendgangs, „lichtscheues Gesindel, die den Schrecken der Pariser Nächte bilden- und ihre Freundinnen, die ihnen an Wildheit wenig nachstehen“, denen allerdings die Pariser Mode ihre Gunst erweist. So zu erfahren aus dem Artikel „Der Apachengürtel- eine neue Laune der Pariser Mode“, bis hin zu schwülstigen Klischees, wie sie in den Hamburger Nachrichten erschienen. Da erfährt man unter der Überschrift „Apachenrache“, dass die 18-jährige Apachenschönheit Rini, auch “Schwarze Löwin“ genannt, ihre Kameraden an die Polizei verraten haben soll und ihre Rivalin, die „Blume von Belleville“ daraufhin den Auftrag erhält das Mädchen zu töten, was ihr durch beherztes Eingreifen der Polizei aber nicht gelang.
Hamburger Correspondent 21.1.13/HC/37/Ab/1.Beilage/4 und 25.1.13/HC/51/Mo
Altonaer Nachrichten 3.2.13/AN/56/Ab und 2.4.13/AN/188/Ab
Hamburger Nachrichten/4.8.13/HN/360/Ab

Um die Faszination, die durch diese Form der Berichterstattung erkennbar wird, wie auch weitgreifender, die Faszination für einen romantisierten Typus des gesellschaftlichen Außenseiters, wie er u.a. in den dementsprechenden Kulturen des Flamencos und Tangos auftaucht, also in Metropolen die stark von der französischen Kultur beeinflusst wurden, verstehen zu können, kann ein Blick zurück in die europäische Kunstgeschichte hilfreich sein.
Mit dem Auftreten der neuen sozialen Klassen städtisch-industriellen Charakters waren die über viele Generationen hinweg eingeübten Beziehungsformen wirkungslos geworden, was zur Folge hatte, dass auch die traditionelle Volkskultur ihre Ausdrucksfähigkeit und Integrationskraft verlor. Demgegenüber war im Verlauf des 19.Jh. in ganz Europa das Phänomen einer heterogenen und oft widersprüchlich angelegten Massenkultur im Entstehen begriffen. In ihrem Rahmen wurden verschiedene kulturelle Elemente aus mehreren Regionen und sozialen Räumen zu einer sich volkstümlich gebenden, industriell verwertbaren, neuen Massenkultur vereint. Die Grundlage dieser neuen Populärkultur war somit nicht mehr die traditionelle Gesellschaft auf dem Land, sondern ein soziales Gemisch von Individuen aus verschiedenen Gegenden, sozialen Schichten und ethnischen Gruppen.
Während der ersten Hälfte des 19. Jh. war die Romantik als kulturelle Bewegung und geistige Haltung zum Ausdruck einer neuen Kunst und Literatur in ganz Europa geworden. Ihr wesentlicher Charakter und Stilmittel waren das Beharren auf allen Gefühlsbetonten, Irrealen, Mystischen und Unbekannten. Sie glorifizierte die Natur und das Natürliche, das Volkstümliche und das Traditionelle. Es handelte sich um eine tiefe Auflehnung gegen die etablierte Wirklichkeit, die geprägt war von den sozialen Verhältnissen und zerstörten Hoffnungen der Restaurationszeit und gleichzeitig um eine Flucht in zurückliegende, ferne Orte oder einer imaginierten Zukunft. Sie vereinte in sich sowohl revolutionäre, wie auch reaktionäre Tendenzen.

Mit dem Begriff „Romantik“ wird im allgemeinen eine Bewegung umschrieben, die zwischen 1790 und 1830 hauptsächlich in Deutschland in Erscheinung trat. Die Repräsentanten der Frühromantik standen noch unter dem Einfluss des Klassizismus und der Aufklärung des 18. Jh., während nach dem Wiener Kongress (1814/15) und dem Einsetzen der Restaurationspolitik sich resignative und auch reaktionäre Tendenzen in der folgenden Spätromantik bemerkbar machten. Die Weltflucht und die Verinnerlichung des künstlerischen Bemühens war zu einem bestimmenden Faktor der künstlerischen Produktion geworden.
Die französische Romantik nach den Ereignissen des Juli 1830 verstand sich zunehmend als künstlerischer Ausdruck der zeitgenössischen liberalen Bewegung und die einsetzende Politisierung der Kunst fand ihren Ansatzpunkt in der Erfahrung der sozialen Lage und Rolle des Künstlers in der modernen Gesellschaft und seiner Reflexion. Der Ausdruck „Boheme“ ist eng mit der französischen Romantik verbunden. Sie bezeichnete ein Milieu von meist jugendlichen Literaten und Künstlern, die in den europäischen Städten des 19. Jh., aber vor allem in Paris lebten und die für ihre unkonventionelle Denk- und Lebensweise bekannt waren. Sie waren Ausdruck vielfältiger Veränderungen in der Gesellschaft des 19.Jh. und standen auch mit der damaligen Jugendbewegung in Verbindung. Durch ihren Versuch den Traditionalismus in der Kunst zu überwinden, in dem das Individuelle betont wurde und durch die proklamierte Formel „l´art pour l´art“ schafften sie sich Möglichkeiten eine persönliche und weitgehend modifizierte Vergangenheit zu erfinden und eine fiktive, symbolische Wirklichkeit zu konstruieren. Die Boheme war weder aristokratisch, noch bürgerlich, noch proletarisch, sondern in erster Linie verschieden. Die Kultur der Bohemien brach die starren Grenzen der verschiedenen Kulturen auf, in der Art und Weise, das sie Materialien, kulturelle Elemente, künstlerische Themenstellungen und Motive sogenannter Ausländer, Minderheiten und fremder Ethnien aufgriffen und zum Teil in ihr individuelles Lebenskonzept interpretierten. Die von Frankreich ausgehende Romantik war trotz ihrer ästhetisierenden und betont individualistischen Akzente, auch ein Ausdruck der sozialen Veränderung in der Gesellschaft. Bestehende Werte und Verhaltensweisen wurden direkt oder symbolisch radikal geleugnet und durch andere ersetzt, die von der etablierten Gesellschaft anfänglich als Ausdruck von Marginalität gesehen wurden.

In Frankreich wie auch in Spanien bezog sich das Wort „bohemien/bohemio“ zuerst ausschließlich auf die Zigeuner und erst mit der Romantik erweiterte sich seine Bedeutung auf bestimmte Gruppen der Künstlerwelt. Die sogenannte „erste Boheme“ setzte sich aus rebellierenden, aber auch sozial abgesicherten Künstlern zusammen, die die romantisierte Gestalt des Zigeuners als Symbol ihres eigenen freien und ungebundenen Lebensstils verwerteten und sich so von den Werten und Verhaltensweisen der höfischen wie auch der bürgerlichen Gesellschaft distanzierten Sie hatten real wenig zu tun mit der Subkultur der Zigeuner und Vagabunden oder den Gaunern und Vertretern eines Machismo im Nachtleben der Städte. Die sogenannte „zweite Boheme“ unterschied sich dazu allerdings, sie war eine der sozialen Verunsicherung, vor allem aber eine der Armut, also eine weltliche und reale Boheme, die sich aus einer wachsenden Zahl junger Schriftsteller und Künstler rekrutierte, die bestimmte Stadtviertel in Paris (Sacre Couer, Montmatre) bevölkerten. Diese Boheme verwendete das Image des Zigeuners nicht mehr als unverbindliche Metapher für ersehnte Unabhängigkeit und Freiheit, sondern als Ausdruck ihrer eigenen sozialen Wirklichkeit und schuf so, durch die Vermischung mit sozialen Schichten, die sich in einer ähnlichen marginalisierten Situation befanden, ein Milieu, welches sich für die kulturelle Entwicklung als fruchtbar und produktiv erweisen sollte.
Aufgrund des sozialen (Ursprungs) Milieus der Tänze Tango und Apache, bzw. vielmehr des „Apachentums“ und der damit verbundenen Romantisierung, boten sie ausreichend Stoff für eine Vielzahl von Filmen. Interessant ist in dieser Hinsicht, dass in Hinblick auf die Kulturproduktion, der junge Film in diesem Fall nicht den Vorgaben des Theaters oder Variete zu folgen scheint, sondern, (zumindestens lassen die zugänglichen Quellen diesen Schluss zu), die ersten Akzente einer Kulturproduktion um das tänzerische Thema der Gewaltverhältnisse zwischen Mann und Frau initiierte, die allerdings erst im nachhinein mit dem „Label „Apache“ versehen wurden.

Auf der Webseite der Americain Memory Collection sind u.a. die Filme „Bowery Waltz“ (1897, mit James T. Kelley und Dorothy Kent, Regie: William Heise) und der Film „A Tough Dance“ (1902 von der „Americain Mutoscope& Biograph Company“) zu finden, die deutlich machen, dass es sich bei der Kulturproduktion des „Apachentums“ nicht ausschließlich um ein europäisches Phänomen handelte. Beides sind Paartänze, halten sich aber nicht an die althergebrachten Konventionen desselben. In „Bowery Waltz“ wird das Geschehen durch die offensichtliche (gespielte?) Trunkenheit der Frau persifliert und in „A Tough Dance“ treten die Akteure nicht in adretten Salonkleidern, sondern in relativ armseliger Straßenkleidung vor die Kamera und die Gewalt in der Beziehung der beiden ist ein Thema des Tanzes in Form der Ohrfeige die er ihr gibt und durch das umarmende Herumbalgen zum Ende des Films.
http://memory.loc.gov/mbrs/varsmp/
In dem Film „Bowery Waltz“ gehen ein Mann und eine Frau aus den seitlichen Positionen des Raumes aufeinander zu. Die Frau, mit hängenden Schultern und nach vorne gebeugten Oberkörper, spielt sichtbar eine Betrunkene. Er reißt sie an sich, seine linke Hand nimmt Ihre weit vom Körper nach oben gestreckt, mit der Rechten umfasst er sie. Sie hängt derweilen regelrecht in seinen Armen. Beide drehen sich im Kreis und in dieser Drehbewegung nimmt der Mann sehr lange, gleitende Schritte, weit nach vorne, bis hinter seine Partnerin, so dass sein Bein quasi durchgestreckt ist. Dann bringt er sein rechtes Bein, ganz nah an seiner Partnerin, hinter sie – und zieht sie über das Bein, so dass sie mit beiden Beinen in der Luft schwingt und sich wieder frontal zu ihm eindreht. Dann stehen sie beide in einer Umarmung die der der beiden aus „Tough Dance“ ähnlich ist und gehen dann auseinander indem der Mann einige Schritte rückwärts geht, während sie mit hängenden Oberkörper und gesenkten Blick fast auf der Stelle verharrt.

1902 produzierten/agierten Kid Foley und Sailor Lil in dem Stummfilm "A Tough Dance", der einen Apachetanz zeigt. In der Anfangssequenz stehen sich der Mann und die Frau jeweils in dem von der Kamera erfassten Raum seitlich gegenüber. Sie tragen Alltagskleidung, relativ ärmliche Straßenkleidung, der Mann trägt eine Schiebermütze die Frau eine Art Hut oder Haube als Kopfbedeckung. Dann gehen beide mit betont langsamen Schritten aufeinander zu wobei die Knie akzentuiert gehoben werden. Der Mann hat klar den tänzerisch dominanten Part inne und hat eine Präsenz, die auch auf die Kamera gerichtet ist während die Frau fast nur auf ihn schaut oder den Blick zum Boden hält. Seine Brust ist vorgestreckt, die Knie gebeugt, der Hintern rausgestreckt und die Arme sind unter Spannung seitlich vom Körper gestreckt und Pendeln mit der Schrittbewegung. Beide begegnen sich in der Mitte des Kamerabildes und sinken noch mehr in die Knie. Sie fassen sich an die Hände, er zieht sie zu sich heran und gibt ihr eine Ohrfeige. Dann führen beide die schreitende Bewegung frontal auf die Kamera zu, während sie sich weiterhin an den Händen halten. Sie umfassen sich beide mit beiden Armen, so dass die Oberkörper eng aneinander liegen und der Kopf jeweils auf der Schulter des anderen Partners liegt während sie gleichzeitig noch mehr in die Knie gehen, den Hintern herausstrecken und so eine Distanz zwischen ihren Unterkörpern schaffen. So umschlungen drehen sie sich unter der Führung des Mannes im Kreise, der sich mit großen Schritten vorwärts, wie auch rückwärts bewegt. Die Füße werden wechselseitig gesetzt. Aus dieser drehenden Bewegung folgt ein Ausdrehen der Frau. Die größtmögliche Distanz der Beiden wird durch die langgestreckten Arme, die sich weiterhin halten, bei einem tiefen Stand, bestimmt. Beim darauffolgenden Eindrehen lässt der Mann ihre Hand los und geht 2-3 Köpfe tiefer als sie, fast in eine Hockstellung während seine Arme, weit umgreifend, sie dann wieder in die bärenhafte Umarmung nehmen. Dann beginnen sie wieder sich beim Tanze im Kreis zu drehen. Bei dem folgenden wiederholten Ein- und Ausdrehen der Frau bleibt allerdings der Handkontakt unter Führung des Mannes erhalten. Zum Schluss gehen beide aus der Drehung zu Boden und rollen seitlich liegend, sich umarmend und übereinander liegend auf die Kamera zu.


Weitere Filme die die Apachen zum Thema hatten: "Lamour de l ' Apache" / (1908), „Apache Dance“/(1909), UK, Musical, R.: Frank Denvers Yates, „La danse des Apaches“, Heinrich Köllisch`s Universum (HF/5/S.23/7.1.12)"Bebe' Apache" /(1910 ),France, R.:Louis Feulliade, "The Apaches of Paris" / (1915), "A roughe Romance" /(1919), „Die Apachen“/1919 – Detektivdrama in 5 Akten, als Apachen: Reinhold Schinzel und Hanni Weisse. In der Rolle des Detektivs, Max Landau.(Anzeige des Knopf`s Theater im Hamburger Echo, Nr.:303Ab, 10.7.1919)/ „Colombine – Die Geliebte des Apachen“ mit Emil Jannings, Mary Lanner, Erich Ziegel und Alex Otto, Waterloo-Theater (HF/8Ab/S.8/6.1.20) /„Apachen“ Detektiv-Drama mit Max Landau und Hanni Weisse, Kammer-Lichtspiele (HE/48Ab/29.1.20)/„Die Apachen“ mit Hanni Weisse, Schünzel, Bach-Theater (HF/282Ab/S.8/10.6.20)/
„Die drei Tänze der Mary Wilford (Apachenliebe) mit Erika Glässner, Frieda Feber, Knopf`s Lichtspiele (HE/361AB/5.8.20)/ “Der Apachenlord” mit Poldi Müller, Friederich Zelnik, Reform-Kino (HF/6Ab/S.12/3.1.21)/ "The Apache Dances" / (1923), "The Apache" / (1925), „6 Wochen unter den Apachen“, Deutschland 1926, Regie: Harry Piel und „Die Apachen von Paris“ 1927, Deutschland, Regie: Nikolai Malikov, mit Ruth Wegener (1901-1983), eine Mitte der 20er Jahre beliebte Filmschauspielerin und Olga Limburg (1881-1970), die bis in die 50er Jahre im Filmgeschäft tätig war, u.a. in dem Film „Das Herz von St. Pauli“ (1957)
Evans Richard J, 1997, „Szenen aus der deutschen Unterwelt“, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
Gaschler Thomas, Vollmar Eckhard: 1992, „Dark Stars – 10 Regisseure im Gespräch“, edition. München
speziell: „Grand Guignol – ein Essay über Frankreichs blutiges Theater“ von MÄRZ
Ochain Brygida, 1998, „Varietetänzerinnen um 1900“, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/ Basel
Schlör Joachim, 1994, „Nacht in der großen Stadt Paris. Berlin, London 1840-1930“, Deutscher Taschenbuch Verlag, München
Steingress Gerhard, 1997, „Cante Flamenco – Zur Kultursoziologie der Andalusischen Moderne“, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt a.Main
Weisberg Gabriel P. (Hg.) : 2001, „Montmatre and the Making of Mass culture“, Rulgers University Press, New Brunswick, New Jersey, London
http://www.streetswing.com/histmai2/